9. Young ITI Meeting in Hamburg

Leinen los zu neuen Ufern - Young ITI Version 2.0

Leinen los zu neuen Ufern - Young ITI Version 2.0

Sich neu zu erfinden ist definitiv keine einfache Sache. Dies zu tun mitunter jedoch geboten.

Eines vorweg:

Den Machern des 9. Young ITI Meetings ist dieser Kraftakt gelungen und so kann mit frischem Elan und neuen Referenten für dieses weltweit einzigartige Veranstaltungsformat der Deutschen Sektion des Internationalen Teams für Implantologie (ITI) ein überaus zufriedenes

Resümee gezogen werden: Viele neue Gesichter, ein neues Outfit – keine Frage hier hat sich etwas getan. Geblieben jedoch sind die klassischen Young-ITI-Qualitäten: Kommunikation während und nach den Vorträgen, ein kollegiales Miteinander, durchaus kontroverse Diskussionen, die Möglichkeit

des Netzwerkens und des kollegialen Austausches.Mehr als 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzten diese Optionen intensiv und erlebten eine hervorragende Fortbildungsveranstaltung. Zweifellos, Hamburg war ein Meilenstein für das Young-ITI-Format, der Start für die Version Young-ITI Version 2.0.

Welche deutsche Stadt wäre wohl mehr geeignet gewesen, die Location für diesen Relaunch zu geben als Hamburg?

Steht doch die Hansestadt seit jeher für Weltoffenheit und Mut für Neuerungen, wie es der Vorsitzende der Deutschen ITI Sektion, Professor Dr. Dr. Johannes Kleinheinz formulierte. Es ging, so Kleinheinz weiter, überhaupt nicht darum das überaus erfolgreiche Grundkonzept des Young-Meetings über Bord zu werfen, als vielmehr darum den Kongress den Erwartungen und Anforderungen der jungen Kollegengeneration anzupassen.

Dies zu tun war Aufgabe des Planungsteams um Dr. Ulf Meisel, welches seine Aufgabe hervorragend gelöst hat. Die Macher des Hamburger Young-ITI-Meetings stellten die möglichst reibungslose interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Prothetiker und Chirurg in den Mittelpunkt, welche sie als Grundvoraussetzung für eine möglichst sichere, vorhersagbare und erfolgreiche implantologische Versorgung definierten.

So stand im Fokus des Kongresses der implantologisch-prothetische Workflow. Nicht zu kurz kam dabei – ganz im Sinne der Young-ITI-Tugenden – die aktive Teilnahme an Diskussionsrunden und am Streitgespräch.

Annual Fellow und Member Meeting

Nachdem am Vortag bereits ein Treffen der Study-Club Direktoren der Deutschen ITI-Sektion stattgefunden hatte, war auch der Auftakt des eigentlichen Fortbildungstages der Deutschen Sektion gewidmet, die in dem einzigartigen globalen Implantologienetzwerk ITI nicht nur eine der mitgliederstärksten, sondern zudem auch eine der echten Aktivposten ist.

Belege für diese Einschätzung sind das jüngst gestartete „ITI-Implantologie-Curriculum“ und neben dem weltweit einzigartigen Format „Young ITI“ gesellt sich im Herbst eine weiteres hinzu, welches für das Internationale Team für Implantologie komplett neu ist – das „Online-Symposium“ der Deutschen Sektion, welches am 23. Oktober stattfinden wird. Hier steht das autologe Transplantat, dessen Notwendigkeit und Alternativen im Mittelpunkt der Diskussion mit namhaften Referenten.

In Hamburg indes stand die Darstellung der Leistungsfähigkeit dieser rührigen Sektion und deren mannigfaltige Aktivitäten im Vordergrund, so konnte deren Vorsitzender, Professor Dr. Dr. Kleinheinz neben einem signifikanten Mitgliederzuwachs auch über das jüngst zu Ende gegangene Fellow-Meeting in Eltville-Reinhartshausen berichten. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen indes stand die Darstellung der Fortbildungssituation der ITI Sektion Deutschland. Nicht ohne Stolz konnte Kleinheinz erläutern, dass das attraktive ITI-Fortbildungsprogramm der von ihm geführten Sektion ein gründliches Relaunch erhalten habe und nun facettenreich und mit hervorragenden Referenten besetzt keinen Vergleich zu scheuen braucht.

Auch das im vergangenen Jahr gestartete Curriculum hat in kürzester Zeit eine so hohe Nachfrage erfahren, dass nunmehr zwei Curricula pro Jahr parallel geführt werden und ein englischsprachiges in Planung ist.

Ein ganz wichtiger Pfeiler für das ITI sind die Study Clubs, die es Members und Fellows ermöglichen, sich  in ungezwungener Atmosphäre auszutauschen und vom unglaublichen Wissenspool ihrer Fachgesellschaft zu profitieren.  In Deutschland zeichnet für die Study Clubs der Münchener Kieferchirurg Professor Dr. Dr. Andreas Schlegel verantwortlich.

Waren die ersten Jahre seiner Tätigkeit von einem schier unglaublichen Wachstum und von zahlreichen Neugründungen gekennzeichnet, so hat sich das Tempo momentan deutlich verlangsamt, denn, so Schlegel, „eine derart große Zahl an Study Clubs muss auch mit Leben erfüllt und betreut werden“. Folge dieser enormen Entwicklung ist auch eine massive Aufstockung des Personals bei der Deutschen ITI Sektion, um die vielen Veranstaltungen auch in der gewohnten Professionalität betreuen zu können. Schlegels Fazit indes ist überaus positiv: „Es läuft gut bei den Deutschen ITI Study-Clubs!“

Dem Autor dieser Zeilen war es in seiner Funktion als Communications Officer der Deutschen ITI über die Öffentlichkeitsarbeit seiner Sektion, die Präsenz in den Medien zu geben und einen Ausblick auf künftige Aktivitäten. Signifikant ist hier ein deutlicher Verschub der Medienpräsenz vom klassischen Printmedium zu den webbasierten online-Plattformen.

Young ITI Meeting

„Unser Flaggschiff Young ITI steht unter vollen Segeln!“ Der Münsteraner Hochschullehrer, Kieferchirurg und Vorsitzende der Deutschen ITI Sektion, Professor Dr. Dr. Johannes Kleinheinz, begrüßte die gut 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 9. Young ITI Meetings und stellte zusammen mit Dr. Sascha Pieger auch die ITI-Online Academy vor. Beim letzten ITI Weltkongress in Genf gestartet hat sich die webbasierte Wissensplattform des ITI rasant und überaus positiv entwickelt. Gerade im asiatischen Raum hat sich die Online Academy zu dem Standardwerk für die Recherche und das Lernen rund um die Implantologie entwickelt.

Die mannigfaltigen Möglichkeiten und das faszinierende Angebot stießen bei den Teilnehmern auf ungeteilte Zustimmung – hier war es tatsächlich so, dass das „richtige Angebot bei der passenden Zielgruppe“ präsentiert wurde, wie es Kleinheinz formulierte.

Unter der souveränen und eloquenten Moderation von Dr. Dr. Susanne Jung (Münster) startet die erste Session des wissenschaftlichen Programms.

Den ersten Beitrag hierzu steuerte der Marburger Kieferchirurg Dr. Dr. Dr. Thomas Ziebart bei,

der über den kompromittierten Patient in der Implantologie sprach.

Ziebart forderte eine Grenzwertanalyse von Patienten, die zur Risikovermeidung und –verminderung führen kann – „Grenzen erkennen, das ist das Gebot!“, so der nunmehr in Marburg tätige Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg.

Neben Patienten mit oraler Antikoagulantieneinnahme erwähnte Ziebart auch Patienten mit Stenteinlage; erste take-home-message hier: „Ein bridging mit Heparin ist nicht mehr state-of-the-art!“ Beim Diabetes mellitus rechnet Ziebart mit einer Verdoppelung der Erkrankungsfällen im nächsten Jahrzehnt. Beim Diabetes, dessen Nebenwirkungen sich u.a. in einer verminderten Knochenbildungsphase und einem verstärkten Knochenabbau darstellen, kommt es darauf an, dass die hier betroffenen Patienten vom Internisten richtig eingestellt sind, bevor Implantate inseriert werden.

Weitere Ausführungen Ziebarts betrafen Patienten mit Autoimmunerkrankungen, bei deren Therapie eine strenge Indikationsstellung und eine perioperative antibiotische Abschirmung bei Implantationen geboten deren. Bei HIV-Patienten haben Patienten mit antiretroviralen Therapien eine deutlich bessere Langzeitprognose erhalten, bei denen sich jedoch in der Regel eine höhere Osteoporoserate manifestiert. Störungen der Knochenphysiologie (bei Bisphosphonateinnahme, bei radiatio (v.a. über 50 Gy) und bei Einnahme von Bisphosphonaten) sind Erfolge oraler Implantate deutlich vermindert.

Hier ist eine strikte Risikoanalyse Pflicht und falls eine Implantation erwogen wird, unbedingt minimalinvasive Insertionstechniken und ggf. auch die Verwendung von Implantaten mit aktivierter Oberfläche.

„Implantate bei reduziertem orovestibulärem Platzangebot“ ein überaus praxisrelevantes Thema, welches PD Dr. Dr. Marcus O. Klein (Düsseldorf) gewählt hatte. Ein verblüffender Beginn – „ich kann Sie nicht gleich zu den durchmesserreduzierten Implantaten mitnehmen, wir brauchen erst die basics!, so der in eigener Praxis tätige Privatdozent. So folgten Ausführungen zum orovestibulären Defizit und zu strikt zu beachtenden Insertionsregeln, bevor Klein dann zu seinem eigentlichen Thema lenkte und Durchmesser reduzierten Implantaten gerade beim kompromittierten Patienten eine hohe Wertigkeit zuwies, da hier invasive und belastende augmentative Eingriffe vermieden werden können, bzw. der Bedarf an Augmentation bei der Verwendung durchmesserreduzierter Implantate wesentlich vermindert werden kann. Als Nebeneffekt kann hier auch ein erhöhter Resorptionsschutz im Sinne eines biologischen Puffers resultieren und somit sich vorteilhaft auswirken. Klein stellte jedoch auch klar, dass hier höchste Anforderungen an das Implantatsystem (ideal apikal konisch) und die hierbei verwendete Legierung gestellt werden – „die dünnen Implantate müssen deutlich mehr Stress aushalten, als solche mit Standartdurchmesser!“ Die Verwendung von Legierungen wie Roxolid, welche ein 20%ige Steigerung der Härte aufweisen, könnte hier ein Ausweg sein, so Klein.

Quasi ein Heimspiel hatte Dr. Sascha Pieger (Hamburg), der über die „Prothetische Behandlungsplanung – Materialien und Methoden“ sprach. Hatte Pieger seine Affiniät zu digitalen (EDV-)Themen bei der Präsentation der Online-Academy unter Beweis gestellt, so knüpfte er hier  bei seinem Beitrag zum wissenschaftlichen Programm nahtlos an und stellte die Optionen der digitalen Diagnose- und Therapiemöglichkeiten dar.

Beginnend mit dem Intraoralscan über die digitale Insertionsplanung von Implantaten, deren Ergebnisse wiederum in eine Bohrschablone münden – Pieger bewies, dass er zur klaren

Befürworterriege der „virtuellen CAD/CAM unterstützten Implantologie“ zählt. Vor allem die wesentliche Erweiterung der Möglichkeiten heutiger Intraoralscanner weg vom reinen therapeutischen („Abform“-)Werkzeug hin zum diagnostisch-therapeutischen Instrument ermöglicht eine lückenlose und durchgängige Anwendung digitaler Verfahren vom Patientenerstkontakt bis zur Eingliederung der Restauration. Hieraus, so Pieger, resultiert dann die „ideale Implantation“.

Dr. Jochen Tunkel (Bad Oeynhausen) vermochte in eindrucksvollen Fallbeispielen zu erläutern, wie wichtig ein gelungenes Weichgewebsmanagement in der Implantologie als Erfolgsfaktor für Augmentation, Implantation und Implantatfreilegung zu werten ist. Tunkel ist nicht nur Fachzahnarzt für Oralchirurgie, sondern auch einer der ganz wenigen Fachzahnärzte für Parodontologie, der in Westfalen-Lippe verliehen wird.

„Wichtig ist beim Weichgewebe nicht so sehr, was man macht, sondern vielmehr was man nicht macht!“ Von diesem Standpunkt ausgehend wäre die Sofortimplantation mit Vermeidung von Schnittführungen und Lappenbildungen ein idealer Ansatz. Dennoch – „die flapless surgery ist nicht immer die Lösung aller Dinge!“, so Tunkel, sie versagt zudem immer dann, wenn zu wenig Knochenangebot für eine Implantation angetroffen wird. Und so definierte Tunkel zunächst die Grundlagen einer Schnittführung bei Augmentationen und Implantationen. Hervorragend dokumentierte Fallbeispiele – unter anderem zur Tunneltechnik nach Khoury – untermauerten die Ausführungen des Referenten.

Einem Megatrend der vergangenen Jahre folgend analysierte Dr. Ulf Meisel (Nürnberg) individualisierte Abutments und definierte deren Einsatz und Notwendigkeit.

Meisel zeichnete zudem für die Zusammenstellung des wissenschaftlichen Programms des 9. Young-ITI-Meetings verantwortlich. Meisel stellte klar – „bei der Wahl des richtigen Abutments wird im Grunde genommen nur die Entscheidung, die bei der Planung der Implantatpositionierung gefällt wurde, nachvollzogen!“ Beeinflusst werden kann durch ein individualisiertes Abutment die Suprakonstruktion, die epigingivale Emergenz, das Abutment-Kronen-Interface, der subgingivale Bereich und letztendlich der intraimplantäre Bereich.

Aufgrund eigener Untersuchungen und der Auswertung der entsprechenden Literatur forderte Meisel die ausschließliche Verwendung von Originalabutments des jeweiligen Herstellers.

„Zementierte versus verschraubte Rekonstruktionen auf Implantaten“ - in Zeiten einer vieldiskutierten zementassoziierten Periimplantitis fürwahr ein „heißes“ Thema, welches sich Dr. Anja Zembic (Zürich) für ihren Beitrag zum wissenschaftlichen Programm ausgesucht hatte.

Gleich zu Beginn ihrer Ausführungen stelle die eidgenössische Referentin klar – „losgelöst davon, welche Form der Befestigung sie gerne hätten, ist es doch primär eine Frage der Implantatpositionierung!“

Steht das Implantat zu weit bukkal, dann ist eine Verschraubung nicht möglich, da der Schraubenkanal im ästhetisch relevanten Bereich zu liegen käme.

Die Darstellung der Vor- und Nachteile beider Verfahren nahm erheblichen Raum in den Ausführungen Zembics ein.

Ein besonderes Augenmerk wurde hierbei auf die Gefahr der „Zementitis“, also einer Entzündung auf dem Boden nicht entfernter Zementreste gelegt, welchen wesentlichen Einfluss auf das Entstehen periimplantärer Läsionen zugemessen wird.

Bei den 5-Jahres-Überlebensraten indes war der Wert für die zementierten Kronen sogar etwas besser als die verschraubte Variante. Die Implantate selbst waren bei beiden Befestigungsvarianten

gleich erfolgreich. Bei den technischen Komplikationen schneiden zementiert befestigte Kronen signifikant besser ab, als verschraubte. Vorteilhaft bei zementierten Versorgungsformen wirkt sich auch die Frage der Kosten auf, hier sind die zementierten Varianten wesentlich preiswerter.

Umgekehrtes Bild bei den biologischen Komplikationen, dies betrifft Kronen und Brückenversorgungen gleichermaßen  - hier liegt bei den zementierten Rekonstruktionen das höchste Risiko und „das müssen Sie Ihren Patienten sagen!“, so Zembic.

Dr. Anne Bauersachs (München) sprach über Möglichkeiten und Nutzen des Recalls und wies diesem Tool höchste Wertigkeit in der Implantologie zu.

Die lange an der Universtität Erlangen, dann in der Praxis Professor Schlegel und nunmehr in eigener Praxis tätige Kollegin konnte eindrucksvoll die direkte Verbindung zwischen dem Anstieg von Komplikationen und dem Ausbleiben einer Nachsorge durch den Patienten darlegen.

„Beim Recall geht es ja nicht nur um Kontrolle, nein das Recall betrifft auch den Erhalt, gar die Wiederherstellung oraler Strukturen“, so die Münchner Oralchirurgin.

In der Implantologie ist das Trias Kontrolle-Erhalt-Wiederherstellung ungemein wichtig, zum einen wegen der vielen einstrahlenden Risikofaktoren, die den Langzeiterfolg einer Implantatbehandlung gefährden können, zum anderen wegen struktureller und anatomischer Gegebenheiten, die die Progredienz periimplantärer Läsionen ermöglichen.

Praktische Tipps für die Implementierung eines Recallsystems in eine implantologisch tätige Praxis rundeten die Ausführungen der Referentin ab.

das Streitgespräch 

Der Klassiker – das Streitgespräch des Young ITI Meetings!

Das Streitgespräch zwischen ausgewiesenen Experten zu einem relevanten Thema – traditionsgemäß am Ende eines Young ITI Meetings platziert – gehört zum festen Repertoire dieser Veranstaltung und – hat eine ganze Menge Nachahmer gefunden!

Den Reiz, der von dieser durchaus kontrovers geführten, mitunter sehr unkonventionellen Diskussion ausgeht, haben auch andere Veranstalter erkannt und so sind ähnliche Formate bei vielen zahnärztlichen Kongressen zu finden.

In Hamburg gaben Fallbesprechungen den äußeren Rahmen für das Streitgespräch an dem als Diskutanten Dr. Anja Zembic, Dr. Sascha Pieger, Dr. Jochen Tunkel und – als Vertreter der ersten Riege der Young ITI Referenten – Professor Dr. Dr. Andreas Schlegel teilnahmen.

Zufrieden konnten die Macher des Young ITI Meetings in Hamburg am Samstagabend ein erstes Resümee ziehen – Young-ITI Version 2.0 ist nicht nur gestartet, das Format läuft!

 

Autor des Beitrags/ Korrespondenzadresse

Dr. Georg Bach
Rathausgasse 36
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